Heimische Schmankerl für „Intolerante“

Obwohl sich die Lebensmittelindustrie seit Jahren auf Nahrungsmittelintoleranzen eingestellt hat, sind Restaurants und Gasthäuser noch rar gesät, die auf Laktose-, Histamin- oder Glutenintoleranzen vorbereitet sind. Erwischt man als „Intoleranter“ dann doch die verbotenen Lebensmittel, kann der Traumurlaub schnell zum Alptraum werden. Soll sich die heimische Gastronomie auf die „intoleranten“ Gäste einstellen oder obliegt es der Verantwortung des Einzelnen, was er zu sich nimmt – im Notfall Nahrungsmittel, die er von zu Haus mitbringt. Wie sehen Sie das? Stimmen Sie ab!

Pro

Ja, ich oute mich: Ich bin eine „Intolerante“. Mein Körper kann mit Laktose überhaupt nichts anfangen und wehrt sich entsprechend schmerzhaft. Was im Alltag kein Problem ist (es gibt ja inzwischen jedes Milchprodukt laktosefrei), kann im Urlaub zur echten Herausforderung werden. Gerade in der alpenländischen Küche ist es fast unmöglich der Laktose zu entkommen: Kürbissuppe mit Schlagobersklecks, Pfeffersteak mit Rahmsauce oder Käsespätzle. Ganz zu schweigen von den Süßspeisen: Vom Topfenstrudel über Buchteln mit Vanillesauce bis hin zur Wiener Melange.

Für uns Intolerante sind die heimischen Schmankerl also zumeist ein No-Go und auch abseits davon ist es ein ziemlicher Spießrutenlauf, laktosefreies Essen zu erwischen. Hat man endlich etwas gefunden, etwa einen Salat mit Hühnerstreifen,  krönt eine Joghurtmarinade das an sich laktosefreie Essen. Detto beim Hirtenspieß: Die zerlaufene Kräuterbutter hat sich ihren Weg über jeden kleinsten Teil des Fleisches gebahnt. Isst man dies dann doch, sind die nächsten Tage des Urlaubs gelaufen. Der Körper ist ganz mit Entgiftung beschäftigt und macht jede noch so schöne Landschaft völlig uninteressant.

Will man sich also die nächsten Urlaubstage nicht im Hotelzimmer verschanzen und schickt das Essen zurück, erntet man oftmals einen grimmigen Blick. Den bekommt man aber auch, wenn man sich  nach den Zutaten des Gerichts erkundigt. Dann wird genervt versichert, „Nein, da ist keine Milch drin“ und dann bekommt man den Apfelstrudel mit Vanilleeis oder den Gemüsestrudel mit Schnittlauchrahm serviert.

Inzwischen kommt es aber zum Glück bereits vereinzelt vor, dass mit der Gegenfrage geantwortet wird:  „Welche Intoleranz haben Sie? Kein Problem. Unser Küchenchef stellt Ihnen ein laktosefreies Menü zusammen“. Erleichterung pur! Der nächste Urlaubstag ist gerettet! Morgen beginnt der Spießrutenlauf allerdings von Neuem und dann überlege ich, ob der nächste Urlaub nicht doch wieder in den asiatischen Raum führen soll, wo man mit Milch im Essen so wenig anfangen kann wie mein intoleranter Verdauungsapparat. mm

Contra

Zuallererst: mein tiefstes Mitgefühl all jenen, die irgendwelche Nahrungsmittelintoleranzen jedweder Art ertragen müssen. Es ist mit Sicherheit nicht angenehm, wenn jede noch so kleinste Essens-Sünde sofort bestraft wird.

Ich bin auch nicht ganz sicher, ob ich die Tragweite dessen erfassen kann. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, auf die Hälfte aller Zutaten zu verzichten. Es würde mich vor ein ungeheures organisatorisches Problem stellen, abgesehen davon, dass ich bei manchen – durchaus auch „üblichen“ – Speisen gar nicht weiß, welche Zutaten korrekterweise hineinkommen.

Aber einmal angenommen, ich hätte eine Unverträglichkeit, nehmen wir diese immer mehr grassierende Laktoseintoleranz. Ich bin mir sicher, ich würde mir wünschen auf der Speisekarte einen Hinweis zu finden, ob ein Gericht laktosefrei zubereitet wurde oder nicht. Andererseits wäre es mir allerdings völlig egal, ob es auch glutenfrei oder histaminfrei wäre. Den anderen Unverträglichen ginge es sicher genauso.

Ich als Allesvertragende muss zugeben, dass mich Zusatzinformationen dieser Art sehr aus meinem „Was esse ich denn jetzt Gutes?!“-Konzept bringen. Ich finde es irritierend, solche Infos auf Speisekarten wiederzufinden. Noch schlimmer fände ich es allerdings, würden alle Bestandteile angeführt sein. Ich habe da wenig Mut zur Lücke und so eine Speiseauswahl würde sich in schier unerträgliche Längen ziehen. Obwohl es eigentlich notwendig wäre. Denn es lauern da ganz unvorhersehbare Überraschungen in Semmelknödeln (korrekterweise mit Milch), Erdäpfelgulasch (mit überraschenden Rahmpatzen garniert), vermeintlich vegetarische Karotten-Ravioli (Füllung auf Ricotta-Basis), Apfelstrudel mit dem unvermeidbaren Schlagobers oder der gemischte Salat (mit erfrischendem Yoghurt-Dressing, das nicht erwähnt wurde). Auch beim Roggenbrot muss man nicht auf der sicheren Seite sein, korrekterweise wäre es nämlich ein Roggenmischbrot – aber das klingt halt nicht so gschmackig.

Ich weiß, es gibt heute schon viele Ersatzprodukte, die die Leidtragenden einsetzen können. Aber ganz ehrlich, der Geschmack ist nicht derselbe. Es tut mir also leid, aber der einzige Schluss, den ich draus ziehen kann, ist, dass sich unsere heimischen Schmankerln nur in Ausnahmefällen für Menschen eignen, die Nahrungsmittelunverträglichkeiten aufweisen. rr

66%
34%

Kommentare sind geschlossen.