Österreich vorübergehend geschlossen

Viele Unterkünfte, Seilbahnen und Gaststätten machen zwischen den Saisonen Pause, um nötige Wartungsarbeiten oder Renovierungen durchzuführen oder einfach nur, um sich mal selbst eine Pause oder eine Urlaubsreise zu gönnen. Oft wird dann gleich eine ganze Ortschaft oder eine Region dicht gemacht. Eine Tatsache, die bei so manchem November/Dezember-Gast bzw. Mai/Juni-Gast auf Befremden und Unverständnis stößt. Wie stehen sie zur kollektiven Pause der Tourismusorte? Notwendiges Übel oder einfach nur nervig?

Pro

Eine klassische "Henne/Ei"-Problematik, bei der ich mich klar auf die Seite der Touristiker und betroffenen Tourismusgemeinden stellen muss. Wenn es einen rechtlichen Zwang zur Schließung gäbe, wie beim Ladenöffnungsverbot an Sonntagen, sähe die Sache anders aus, aber so?

Touristiker kalkulieren wie jeder ordentliche Geschäftsmann. Man stellt Aufwand und Ertrag gegenüber. Ich unterstelle, dass wenn es eine signifikante Nachfrage gäbe, dann würde es auch das entsprechende Angebot geben. Das tut es anscheinend nicht. Folgerichtig bietet man in den nachfrageschwachen Monaten auch nicht an. Betriebswirtschaftlich gesehen ist der Anteil der variablen Kosten z.B. durch Personal, Reinigung, etc. ja nicht unbedeutend. Punkt. Aus.

Jetzt könnte man argumentieren, dass das eine sehr egoistische Betrachtung ist, für den Einzelnen sicher richtig, aber wenn sich mehrere zusammenschließen würden, dann würde sich die Nachfrage schon schaffen lassen. Aber würde es das wirklich oder stecken nicht zu viele Konjunktive hinter dieser Vermutung? Es hat ja aus Urlauberperspektive nicht nur mit Nicht-Wollen zu tun, sondern auch mit Nicht-Können. Erstens wollen viele im verregneten Mai keinen Urlaub in einem Tiroler  Dorf machen und zweitens ist man ja auch an Ferienzeiten gebunden. Ich sehe auch keine gelungenen Marketing-Maßnahmen in diese Richtung. „Wir haben auch im Mai für Sie geöffnet!“ „Echt? Ist mir gar nicht aufgefallen, dass die geschlossen hatten.“

Ein letzter Punkt, den man auch nicht unterschätzen darf:  Die Abwesenheitszeit der Touristen ist oft die Urlaubszeit der Touristiker. Ich gönne jedem Gastgeber die kurzen Verschnaufpausen von dieser tollen, aber sicher oft auch stressigen Aufgabe. hs

Contra

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Ein frisch verliebtes Paar, beide Ende zwanzig, berufstätig, kinderlos, hat gerade eine stressige Phase im Job hinter sich und beschließt spontan, sich über das verlängerte Wochenende einen Kurztrip zu gönnen. Einfach mal ausspannen und ein bisschen die Natur genießen, denn das Wetter soll ja schön sein in den nächsten Tagen. Warum also nicht in Österreich bleiben? Da fällt ihr dieses idyllische Dorf ein, von dem sie vor kurzem gelesen hat, das mit der schönen Seepromenade  und dem Haubenlokal am Hauptplatz. Eine Hotelreservierung wird in der Nebensaison ja nicht unbedingt nötig sein. Gesagt, getan. Man packt seine Sachen und nach 3 Stunden Fahrt kommt man – endlich – voller Vorfreude am Ziel an! Und dann…

…nichts. Nahezu alle Hotels sind wegen Betriebsurlaubs geschlossen. Die einzigen Anwesenden am See sind eine Entenfamilie, die am Wasser ihre Runden dreht, und zwei alte Frauen, die den neuesten Klatsch und Tratsch austauschen. Die fast schon gespenstische Ruhe wird nur durch den Baulärm unterbrochen, der aus dem Haubenlokal dringt, das gerade renoviert wird. Enttäuscht kaufen sich die beiden beim Nah & Frisch noch schnell eine Wurstsemmel und treten die Heimreise an. Das nächste Mal werden sie wieder nach Südtirol fahren.

Was ich mit dieser – überzeichneten – Geschichte sagen möchte: es gibt genug potentielle Gäste, die abseits der Hauptsaison Urlaub machen können und das auch möchten – um den Touristenmassen zu entgehen, um die Qualität des Angebots exklusiver zu erfahren oder um Österreich einfach einmal zu einer anderen Jahreszeit kennen zu lernen. Warum soll dieses Klientel nicht aus dem vollen Angebot Österreichs schöpfen können? Klar sind bisweilen Renovierungsarbeiten nötig und auch die Hoteliers haben sich natürlich einmal einen Urlaub verdient! Aber deshalb gleich einen ganzen Ort oder eine ganze Region „dicht“ machen? Das ist schade und auch nicht notwendig. ap

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