Ins Blaue fahren

Beim Thema „Organisation von Urlaubsreisen“ scheiden sich die Geister: Die einen wollen vorher schon alles „klar gemacht“ haben, um sich dann im Urlaub ganz der Entspannung hingeben zu können, die anderen planen maximal die Anreise und genießen es in vollen Zügen, einige wenige Tage im Jahr spontan und ganz nach Lust und Laune verbringen zu können. Wie ist das mit Ihnen: Sind Sie ein Organisations-Freak oder ein Planungs-Muffel?

Pro

Ich lebe notgedrungen beruflich wie privat mit To-Do-Listen. Einerseits weil man immer mehr Dinge um die Ohren hat, anderseits weil der Zahn der Zeit auch am Gedächtnis nagt. Der Alltag  verläuft also großteils organisiert. Im Urlaub will ich aber genau das Gegenteil: Ich will vorab nicht  wissen, wo und wie ich den ersten bis zum letzten Urlaubstag verbringe werde. Im Urlaub bin ich einfach neugierig auf das Leben und freue mich auf alles, was auf mich zugekommt: Ungeplant, ohne Uhr, ohne Check-in-Zeiten und ohne selbstgemachten Druck, alle wichtigen Sehenswürdigkeiten abgrasen zu müssen.

Einfach nur ein Ticket kaufen, ein Mietauto besorgen und los geht´s. Wir bleiben stehen, wo uns die Landschaft oder die Unterkunft gefällt und  lassen uns von den Einheimischen Geheimtipps geben. Die Routen ergeben sich somit von Tag zu Tag und wenn es uns wo besonders gut gefällt, dann hängen wir einfach ein paar Tage dran. So haben wir in Irland durch Zufall im Haus des letzten Walfängers gelebt (tlw. noch original eingerichtet),  haben bei Kaminfeuer und Whiskey den hiesigen Spukgeschichten gelauscht, die Idylle traumhafter Strände genossen, die in keinem Reiseführer stehen und uns mit Einheimischen an Seelöwen angeschlichen. Wir haben mit einem Kioskbesitzer ein gutes Glas Wein getrunken, der keine Zeitungen mehr verkauft, weil darin nur Schlechtes steht, der aber von seinem letzten Besuch des "Goldenen Dachls" schwärmt und durften einen Tag lang einen Schäfer bei der Arbeit mit seinen Schafen und Hunden begleiten.

Bei unseren Reisen haben wir immer das abenteuerliche Gefühl kleine Humboldts zu sein, die nicht „auf Urlaub fahren“ sondern „auf Reisen gehen“. Aber natürlich werde ich auch mal eine organisierte Reise machen, irgendwann mal – so mit 70 oder 80, wenn der Sicherheitsgedanke meine Abenteuerlust abgelöst hat. mm

Contra

Ja eh, is eh super, so einfach ins Blaue fahren. Hat was, hat ein bisserl was von Abenteuer, ein bisserl was Verwegenes, ein bisserl was Spontanes. Landkarte hervorgezaubert, Zirkel bei Wien eingestochen – Schenkelweite entspricht Anfahrtszeit - abschlagen, super, fahrma jetzt nach Venedig.

Oder noch besser: mit Auto und zwei kleinen Kindern in der Hauptsaison – auf in die Toskana, Quartier finden wir schon. Oder auch nicht schlecht: Das wichtigste ist, dass wir die Hin- und Rückflüge haben, die fünf Wochen dazwischen werden wir schon irgendwo in den USA Unterschlupf finden. Ja, na, war eh lustig – im Nachhinein. Vor Ort war es anstrengend, mühsam, nervenaufreibend und ich hatte irgendwie immer Hunger – eine fatale Mischung.

Klar, so lernt man auch einen Ort, eine Stadt kennen, indem man sie verzweifelt nach einer Bleibe abgrast. Ob man sie dabei von der besten Seite kennenlernt, sei dahingestellt. Ich persönlich lerne Orte ja lieber auf die entspannt kulinarische Art kennen: auf der Suche nach gutem Essen und nicht auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf.

Aber heute ist ja eh alles anders. Am Ziel angekommen das Smartphone aktivieren, nach freiem Quartier suchen und sofort wissen, dass alles belegt ist. Das erspart einen das Suchen und bringt einen schnell zu der Überzeugung, einfach weiter zu fahren.

Ich habe meine Lehren gezogen: man sollte halt nicht ins Blaue fahren, wenn man nicht bereit ist, auch einmal unter der Brücke zu übernachten. rr

78%
22%

Kommentare sind geschlossen.