Wanderwege markieren

Es gibt Regionen, die wunderbare Lösungen gefunden haben, informativ und gleichzeitig kaum störend die verschiedenen Wanderrouten zu markieren. Anderen ist dies nicht ganz so gut gelungen (kaum lesbare Schilder, vergilbte Farben, zugewachsene Markierungen,…) und wieder andere verzichten überhaupt gleich ganz drauf. Wie stehen Sie zum Thema Wanderwegmarkierung? Ist inzwischen ein Wildwuchs an Schildern entstanden, der die Naturkulisse stört oder wird bezüglich der Kennzeichnung viel zu wenig getan?

Pro

Wandern = die Natur mit allen Sinnen erleben, Wandern = den beruflichen Stress aus dem Kopf und dem Körper gehen, Wandern = die Seele baumeln lassen, Wandern = den eigenen Rhythmus wieder spüren, Wandern = Gespräche abseits des Alltags-Blabla mit dem Partner führen. Manchmal ist Wandern alles davon, manchmal nur das eine oder das andere.

Nichts davon ist es dann, wenn man bei jeder Weggabelung überlegen muss „Links, rechts oder doch geradeaus?“. Und wenn man dann eine Entscheidung getroffen hat, geht´s nach einiger Zeit mit den nächsten Fragen weiter: „Bin ich da jetzt wirklich richtig? Sollte ich nicht doch umkehren? Wo ist die nächste Markierung?". Alles was Wandern bedeuten kann, ist damit dahin. Und das Gefühl von Abenteuer, das sich vielleicht mit dem Sich-Verirren einstellt und ein leichtes Kribbeln verursacht, hört schlagartig auf, wenn es zu dämmern beginnt und der letzte Weg, der noch irgendwie an einen begangenen Pfad errinnert, 5 km zurückliegt. Alle meine Erwartungen an die Wanderung haben sich damit nicht eingestellt und vielleicht sogar weiteren Stress verursacht. Erholungsfaktor? Gleich null! Und bis zum nächsten schönen Wochenende kann es manchmal lange, sehr lange dauern, während wochentags das prächtigste Wanderwetter die Menschen in den Büros und Geschäften verhöhnt.

Daher liebe Wanderwegmarkierer: Geht bitte eure Wanderwege regelmäßig ab, kontrolliert, ob die Markierungen noch sichtbar sind und ob bei der einen oder anderen Gabelung nicht doch noch ein Farbklecks nötig wäre. Lieber ein Tupferl, ein Schild, ein Fähnchen oder was auch immer zu viel als zu wenig. Aber natürlich wäre es schön, wenn die Markierungen in die Umgebung passen. In den letzten Jahren haben sich gagerlgelbe, relativ große Wegweiser auf den Mountainbike- und Wanderstrecken breit gemacht. Diese sind zwar wunderbar informativ, aber irgendwie hat man immer das Gefühl, auf der nächsten Lichtung wartet statt einer Jausenstation ein Postamt oder zumindest ein Briefkasten auf den müden Wanderer. Diese Schilder halten sicher lange und sind leicht zu pflegen, aber – jetzt werde ich wohl sentimental – die guten alten gravierten Holzschilder hatten doch einiges mehr an Charme und haben sich wunderbar in die Umgebung eingepasst. mm

Contra

Ich will mit einem Zitat beginnen: “…Wissen Sie, was mir am meisten Angst macht? Dass den Menschen in unserer westlichen Zivilisation das Gefühl für die Natur komplett verloren geht. Wer in 50 Jahren auf die Welt kommt, der wird vielleicht nicht mehr erleben, wie es ist, sich in einem Wald zu verlaufen. Vielleicht wird man nicht einmal mehr wissen, was echte Ruhe bedeutet.“ (T.C. Boyle, Interview im profil Nr.42,15.10.2012)

Ich kann mich dem nur anschließen und zwar in vielfacher Hinsicht. Sich zu verirren ist ein ganz besonderes Erlebnis. Als Wiener Stadtkind wurde ich von meinen Eltern – wie es gute Eltern nun einmal mit Stadtkindern machen – allwochenendlich zu einer Familienwanderung motiviert – soweit es das Wetter zuließ. Ich habe zig Wanderungen in ganz Österreich hinter mich gebracht. Mir ist keine mehr wirklich in Erinnerung – bis auf eine! Dunkelsteiner Wald, herrliche Eierspeisbrote mit Schnittlauch, Wald, viel Wald, etliche Schwammerln, duftender, weicher Waldboden, immer wieder Geäst, dem wir ausweichen mussten, es war spannend und aufregend und schön. Nach 6 Stunden ausgiebigen Waldgenusses war uns das Eingeständnis unseres Vaters, dass er sich verirrt hatte, eigentlich schon völlig wurscht. Es war einfach nur lustig. Wir haben so viel über Schwammerln und Waldtiere und Pflanzen gelernt, wie auf keiner anderen Wanderung davor und danach. Wir haben uns schon überlegt, wie wir hier überleben könnten, wie man im Wald ein Lagerfeuer machen könnte, ohne gleich den Wald nieder zu brennen, wir prüften heimlich schon die Äste, ob man aus ihnen einen Wetterschutz basteln könnte und wie das Füllmaterial dafür aussehen könnte.

Ich habe keine Ahnung mehr, wie der Ort hieß oder das Gasthaus dort, in dem wir dann eine weitere Stunde verbrachten, bis unser Vater das Auto geholt hatte. Bis heute kommt ein ganz besonderes, erwartungsvolles Gefühl empor, wenn ich nur das Wort „Eierspeisbrot“ höre.

Ein Gefühl für die Natur kann man nur dann entwickeln, wenn man sich ganz auf sie einlässt – und es wachsen nun einmal keine Wegmarkierungen in freier Wildbahn. Oder haben Sie jemals jemanden über Markierungen dozieren gehört? („Schauen Sie einmal, das ist die rot-grün Waldwanderungsmarkierung, kommt hier viel seltener vor als die rot-blaue Hüttenwegmarkierung.“)

Und rein ästhetisch betrachtet: Wegmarkierungen verschandeln Wiese und Wald und sie berauben einem der Illusion, allein und fernab der Zivilisation zu sein und unendliche Ruhe zu haben. Und jeder Wald ist einmal zu Ende. rr

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