Senioren-Teller für die 50+

Verlief die Lebensplanung der Menschen bislang linear (Jugend – Beruf/Familie – Ruhestand) beherrscht nun immer stärker die Multigraphie unsere Gesellschaft: Mit 50 Jahren fühlen sich viele noch wie 30, gründen nochmals eine Familie oder beginnen sogar eine neue Ausbildung. Man fühlt sich der Jugend und ihren vielfältigen Möglichkeiten mehr verbunden als den Pensionisten, die man jenseits der 70 oder gar 80 wähnt. Entsprechend distinguiert reagieren viele auf das Seniorenmarketing der 50+. Wie sehen Sie das? Könn(t)en Sie sich 15 Jahre vor Ihrer Pensionierung mit einem Senioren-Teller anfreunden oder würden Sie diesen schon rein aus Prinzip nicht bestellen?

Pro

Es ist bald Muttertag und ich freue mich darauf. Ich habe beschlossen, dieses Jahr meine Mutter ganz klassisch zum Essen auszuführen. Ich bin schon gespannt, wie meine Mutter (noch keine 70, groß, schlank, sportlich, graumeliertes Haar und wenn ich in dem Alter bin, möchte ich auch so wenige Falten – Entschuldigung - Linien im Gesicht haben wie sie.) dreinschaut, wenn ich für sie im Restaurant galant „Einmal den Seniorenteller, bitte.“ bestelle. Und dann muss ich ihr Gesicht ganz schnell fotografieren, damit ich ihr das Foto nachher eingerahmt überreichen kann.

Ich habe ja kurz vorher mit ihr über Seniorenteller so ganz allgemein gesprochen. So als Nicht-Betroffene findet sie Seniorenteller ja ganz vernünftig, dann werden die Senioren nicht so dick, wenn sie kleinere Portionen bekommen und außerdem könnte man ihn ja auch gesund gestalten. Ich habe sie dann darauf hingewiesen, dass sie mir in so etwa zehn Jahren, wenn sie mich zu sich nach Hause zum Essen einlädt, auch eine Seniorenportion für die 50+ auf dem Teller servieren kann. Da kam sie sich dann wirklich alt vor. Aber wer weiß, vielleicht kehrt sich ja der Trend „fit bis ins hohe Alter“ in den nächsten Jahren wieder um und ich werde heilfroh sein, wenn ich dann endlich einen Seniorenteller bestellen darf, weil, weil, weil ich dann endlich Gesundes essen möchte oder weil ich mir so komisch vorkomme, wenn ich eine kleine Portion bestelle oder weil ich allen mein Alter elegant mitteilen möchte oder weil ich spätestens mit 80 stolz darauf sein werde, dass ich den Seniorenteller noch selbstständig bestellen kann.

Nicht, dass ich meiner Mutter wirklich einen Seniorenteller bestellen werde, denn ich mag meine Mutter ja. Aber ich halte Seniorenteller für eine wunderbare Erfindung für die „erwachsenen“ Kinder, die zumindest einmal im Jahr ihre Mutter ein bisserl ärgern wollen. rr

Contra

Die Durchsicht so manch österreichischer Speisekarte lässt einen schon mal ins Grübeln und Philosophieren über das Altern kommen. So war ich letztens mit meiner Mutter in einem Gasthof, um eine Kleinigkeit zu essen. Kleinigkeiten gab es aber nicht. Man konnte sich traditionellerweise zwischen Wiener Schnitzerl, Rindsgulasch, Schweinsbraten und Eiernockerl (als einzige vegetarische Alternative, aber das ist ein anderes Thema) entscheiden. Klang alles irgendwie zu viel für den kleinen Hunger. Beim Weiterblättern stießen wir dann in den Kategorien „für unsere Senioren“ und „für unsere Kleinen“ auf übersichtlichere Portionen. Wir hatten also die Wahl zwischen dem „Pensionistenschnitzerl“ oder der „Biene Maja“. Mit ersterem identifiziert man sich als Berufstätige nicht, bei der Bestellung von „Schneewittchen“ oder „Peter Pan“ kommt man sich – entschuldigen Sie bitte die Ausdrucksweise – etwas blöd vor und über beidem schwebt natürlich dieses „darf ich das überhaupt bestellen, wenn ich in keine dieser Kategorien falle?“. Natürlich gab´s dann die kleine Portion auf Nachfrage auch für die Generation der über 10- und unter 65-Jährigen.

Da lob ich mir die italienische Küche: Da gibt es die Pizza in klein, groß oder sogar XXL. Die Größe der Portion ist nicht an das Alter gekoppelt sondern einfach an den Appetit. Auch die Buffets in den japanischen und chinesischen Restaurants lassen einem die Wahl zwischen kleinen und großen Portionen. Mein Appell an die Gasthöfe, die ihre Speisekarten auf unterschiedliche Altersgruppen abgestimmt  haben: Bieten Sie Ihre Speisen für den „kleinen Hunger“ aber nicht für „kleine Menschen“ (oder alte Menschen) an. Ist vermutlich nett gemeint, kommt beim Gast aber gar nicht gut an (außer bei den lieben Kleinen, die die Spaghetti als „Rapunzel“ getarnt, doppelt so gerne essen). mm

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