Deutsche als „österreichische“ Gastgeber

Ostdeutsche auf Tiroler Almhütten, Ungarn und Tschechen in niederösterreichischen und burgenländischen Gaststätten. Die Liste an Nationen ist inzwischen lang, die uns Österreicher als Gastgeber vertreten und den Gästen ein authentisches Bild vom vielgerühmten österreichischen Gastgebertum vermitteln sollen. Doch ist dies überhaupt möglich? Kann man sich die österreichische Mentalität aneignen, die Lockerheit, den Witz und den Charme, den die Gäste von uns erwarten? Wie sehen Sie das?

Pro

Nein, man kann sich natürlich nicht die Lockerheit, den Witz und den Charme aneignen, wenn man diese Eigenschaften nicht besitzt. Sonst würde es längst von Humboldt einen entsprechenden Kurs dafür geben. Wie in dem TV-Spot von Humboldt: „Ich liege gerade in der Sonne und lerne Österreicher zu werden“.

Aber das ist auch überhaupt nicht nötig, denn die gesamte Diskussion arbeitet mit lauter Unterstellungen, die so nicht richtig sind, bzw. zumindest anzuzweifeln sind. Ich behaupte, es gibt genügend Arbeitnehmer aus den angrenzenden Ländern, die es in Punkto Freundlichkeit, Gelassenheit und Witz mit einem Österreicher aufnehmen können und zu Recht einen Platz im Tourismusgewerbe gefunden haben. Und wenn die ein oder andere „typisch österreichische“ Eigenschaft fehlt, dann gleichen sie diese vielleicht anders aus, mit noch einem Schauferl mehr Freundlichkeit und einem besonders starkem Einsatz für den Gast. Und offen gesprochen ist mir manchmal (kommt auf die eigene Laune an) ein sehr zuvorkommender ungarischer Kellner lieber als ein grantelnder Ober in Wien.

Ich muss auch feststellen, dass es eine übertriebene Selbstwahrnehmung von der Erwartungshaltung  gibt. Natürlich gibt es deutsche Gäste, denen es die Nackenhaare aufstellt, wenn sie in Tirol im Hotel von der Rezeptionistin mit sächsischem Dialekt begrüßt werden. Aber das gilt nicht generell und dieses gern zitierte Beispiel beweist wenig.

Zwei Entwicklungen sind dabei wichtig für die Beurteilung. Der heimische Tourismus ist heute professioneller und globalisierter aufgestellt als vor 20 Jahren. Gerade bei den internationalen Gästen, die von immer weiter her zu uns kommen, ist vor allem die Kompetenz, Freundlichkeit und Fremdsprachigkeit der Gastgeber wichtig und weniger ein bestimmtes Humorverständnis. Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen und der Tourismus ist im Endeffekt auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. Mehr als 1,3 Mio. der in Österreich lebenden Menschen sind im Ausland geboren. Freuen wir uns doch vielmehr darüber, dass in diesen spannenden und auch herausfordernden Berufen die Mischung heute so bunt ist. hs

 

 

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Contra

Ich wähle meine Reiseziele nicht nur danach aus, welche Landschaft ich gerne kennenlernen möchte, sondern auch, welche Mentalität mich näher interessiert. Ein Reiseziel besteht nun mal aus „Land & Leuten“. Beides bildet eine Einheit. Dabei hat man (oder besser gesagt ich) gewisse Vorstellungen. Bei einem britischen B&B möchte ich von einer lieben Omi empfangen werden, die mich mit selbstgemachter Orangenmarmelade verwöhnt. In Holland steige ich gerne in familiengeführten Hotels ab und spiele auch schon mal mit den Kindern der Gastgeber. In Frankreich erwarte ich ein älteres, kultiviertes Ehepaar, das das Chalet führt, in dem ich absteige. Würde mich im britischen B&B ein quirliger Italiener oder in Frankreich ein indisches Ehepaar empfangen, wäre ich im ersten Moment sicherlich etwas enttäuscht.

Ähnliches habe ich auch bei meinem letzten Tirol-Urlaub empfunden: Von 10 Kontaktpersonen während meines 3-tägigen Urlaubs kamen acht aus Deutschland oder den östlichen Nachbarstaaten. Bitte nicht falsch verstehen: Sie waren alle sehr nett, freundlich und zuvorkommend. Dennoch ist eine in eine Tiroler Lederhose gezwängte Dame, die unüberhörbar sächselt, auf einer urigen Berghütte dann doch etwas gewöhnungsbedürftig. Das ist mir erst so richtig klar geworden, als ich ein paar Tage später am Semmering in der Enzianhütte einkehrte und der Gastwirt allen österreichischen Klischees entsprach: Gleich auf du und du, lustig drauf und schulterklopfend hat er uns mit einem „Griaß eich. Kummt´s her do. Haß is heit. Woit´s wos trink´n? Ich bring eich sufurt wos, sonst verdurscht´s ma no!“ begrüßt. Wir haben uns sofort wohl gefühlt und sind statt einer kurzen Verschnaufpause gleich zu einem längeren Plauscherl geblieben.

Eine berechtigte Frage ist natürlich, ob Touristen, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, überhaupt erkennen, dass sie von Nicht-Österreichern betreut werden, weil sie die mehr oder minder großen Feinheiten der Aussprache nicht kennen. Wie auch immer: Ich fände es sehr schade, wenn die typisch herzliche, österreichische Gastfreundlichkeit immer öfter von den Almhütten verschwinden und einer höflichen, aber doch eher distanzierten Freundlichkeit unserer Lieblingsnachbarn weichen würde. mm

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