Mit der Seilbahn den Gipfel erklimmen

Es ist ein ganz eigenes, inniges und ungemein glückspendendes Gefühl, auf einem Berggipfel zu sitzen, in die Weite zu blicken und das unglaublich schöne Panorama der österreichischen Bergwelt zu genießen. Natürlich ist der Gipfelsieg noch einmal etwas ganz Besonderes, wenn man diesen selbst „ergangen“ ist. Aber sollen nicht auch die weniger Sportlichen, die vielleicht etwas Ängstlichen oder auch Personen mit Handicaps dieses Glücksgefühl erleben dürfen? Wie sehen Sie das? Sind sie ein aktiver oder passiver Gipfelstürmer?

Pro

Ich gebe es zu. Ich bin kein Wanderer und erst recht kein Bergsteiger. Meine Haube wird nie eine Wandernadel schmücken und GoreTex wird sich marketingtechnisch an mir die Zähne ausbeißen. Genau so geht es meinen Eltern, meinen Großeltern und wahrscheinlich sogar meinen zukünftigen Kindern. Genetisch und erzieherisch scheint da etwas falsch gelaufen zu sein. Aber habe ich dadurch das Recht verwirkt, in den Genuss dieser einmaligen Alpen zu kommen? Den Blick von einem Berggipfel in ein wunderschönes Tiroler Tal schweifen zu lassen? Ich denke nicht. Ich plädiere ja nicht dafür, dass mehr Seilbahnen auf möglichst viele Hochgebirge gebaut werden, damit trotz meiner Fußfaulheit meinen Augen und meiner Seele etwas Gutes getan wird.

Sicherlich ist das Gefühl, einen Gipfel aus eigener körperlicher Kraft erklommen zu haben, mit Nichts vergleichbar und ich bewundere jeden Wanderer für dieses adrenalingestütztes Glücksgefühl. Aber auch Einkaufswagerl, E-Bikes und Autos wurden erfunden, um uns mit wenig körperlicher Anstrengung bei der Überwindung von Strecken zu unterstützen. Und ich verzichte an dieser Stelle in der Argumentation sogar darauf, zu erwähnen, dass man auch Skiausrüstung oder kleine Kinder mittels Seilbahn zum Gipfel mittransportiert. Upps, jetzt habe ich es doch getan.

Man könnte auch tourismuspolitisch in einem größeren Kontext argumentieren. Der Gästemix verändert sich weiter. Die Gäste werden internationaler und damit ändern sich auch die nachgefragten Aktivitäten in den Wander- und Bergsteigregionen. Asiatische und arabische Gäste beispielsweise bevorzugen die Seilbahn.

Den höchsten Gipfel in Europa kann man übrigens  per Gondel in der Schweiz erklimmen (Klein Matterhorn mit 3.883 Metern). In Österreich erreicht man den Hinteren Brunnenkogel (Pitztaler Gletscher) auf 3.440 mit der Seilbahn. hs

Contra

Zuerst befielen mich Zweifel, ob meine Wurzeln in Tirol dazu ausreichen, als Fürsprecherin für das klassische Erklimmen von Bergen – zu Fuß - aufzutreten. Es ist schließlich schon eine Weile her, dass ich auf einem war. Noch dazu war das nicht in Österreich, sondern in Nepal. Für dortige Verhältnisse nicht besonders hoch, „nur“ Namo Buddha, eine Pilgerstätte in den Himalayas (ca. 1.600 m). Hätte es eine Seilbahn gegeben, wären meine 50 Berggefährten – Kinder aus dem Sertshang Waisenhaus – wohl gerne dazu „übergelaufen“.

Ich hätte es trotz Seilbahn vorgezogen, zu gehen – wegen der Bewegung in frischer Luft, dem Bedürfnis nach Gemächlichkeit und aus Liebe zu den Bergen – die Wurzeln spielen vielleicht doch eine Rolle. Angst vor der Qualität der Seilbahn hätte ich nicht haben brauchen, sie wäre ja sicher von Doppelmayr gewesen. Langsam oben anzukommen, mir Schritt für Schritt das Ziel, den Gipfelsieg – und in diesem speziellen Fall auch den Segen – zu verdienen. Gemeinsam mit meinen Bergkameraden ein Stück des Weges gehen, nicht wissen, wie dieser Weg beschaffen ist, mich ihm anvertrauen, ihn einfach gehen und schauen, was kommt. Zusammen schwitzen, lachen und auch schweigen – und sei es nur aus Kurzatmigkeit. In einen wohltuenden Fokus gelangen: Wie gut die Luft ist, wie angenehm ruhig es ist! Der Geist ist mit dem beschäftigt, was JETZT ist und alles andere ist nicht jetzt, ist einfach bedeutungslos. Bei mir sein. Oben den Rucksack ablegen, zufrieden und glücklich, spüren wie sich der Rücken danach leicht anfühlt und ins Tal blicken, wie man nur ins Tal blicken kann, wenn man den Weg gegangen ist.

Tiroler Wurzeln hin oder her, es gibt keinen Zweifel: berg gehen ist mir lieber als berg fahren, aber es kommt natürlich auch auf die Umstände an. bk

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