Schweiz Mood Monitoring

Schweiz: Mood Monitoring

Mitte Mai 2020: Einschränkungen der persönlichen Freiheit oder Notwendigkeit - Mund-Nasen-Schutz selten - Vieles findet online statt - Wir-Gefühl - vernetzte Schweiz außer Streit - Lokales wird gestärkt

Phase der Verunsicherung: zu schnell oder zu langsam?

Die Bevölkerung befürwortet großteils die vom Bundesrat gesetzten Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Die Gemütsverfassung ist bemerkenswert stabil, der achtwöchige Lockdown hat eher zu "Ruhe und Entspannung" als zu "Spannungen und Konflikten" geführt. Mittlerweile häufen sich allerdings Stimmen, welche die anhaltende Einschränkung der persönlichen Freiheit als neue Hauptsorge sehen und die einen rascheren Weg zurück aus dem Lockdown fordern: Zu groß sei der wirtschaftliche Schaden für Handel, Gastronomie und das Kulturleben. Es gibt auch schon kleinere Anti-Lockdown-Demos, die von der Polizei jedoch aufgelöst werden. Die angekündigten Grenzöffnungen sorgen indes im Inlandstourismus wie auch bei den Reiseveranstaltern für vorsichtigen Optimismus.

Insgesamt ist zu beobachten, dass Verunsicherung herrscht: Den einen geht der Weg zurück aus dem Lockdown zu schnell, den anderen zu langsam. Es herrscht die Angst vor einer zweiten Welle, doch auf die kleineren und größeren Freiheiten im privaten und beruflichen Leben will keiner noch wesentlich länger verzichten. Als größte gesamtgesellschaftliche Sorge wird eine Wirtschaftskrise befürchtet. Zahlreiche Haushalte verfügen über ein geringeres Einkommen (40 % der Erwerbstätigen sind in Kurzarbeit), sie geben aber aufgrund von mangelnder Gelegenheit und geringeren Bedürfnissen weniger aus, d.h. die finanzielle Situation ist noch nicht schlechter geworden.

Rücksichtsvoller Umgang miteinander

Social Distancing ist seit dem 16. März 2020 angesagt, das Treffen von Menschengruppen mit mehr als fünf Personen ist verboten. Insgesamt zeigt sich eine deutliche Einschränkung der außerhäuslichen Aktivitäten, die "Bleiben-Sie-zu Hause"-Kampagne des Bundesamtes für Gesundheit zeigt Wirkung. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung hielt sich nicht an die Richtlinien, daher wurden stark frequentierte Erholungsflächen in den Städten gesperrt und die Kontrollen durch die Polizei verstärkt. Diskussionen im Netz gab es um das Anschwärzen. Strafen wurden nur wenige ausgesprochen – Appelle von politischer Ebene und Maßnahmen wie Zugangsbeschränkungen in Supermärkten (Anzahl Kunden) haben für eine Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln gereicht. Wenige Menschen tragen einen Mund-Nasen-Schutz, der nicht vorgeschrieben ist. Lediglich bei einer stärkeren Frequenz in den öffentlichen Verkehrsmitteln werden Masken empfohlen, wenn die Abstandsregeln nicht eingehalten werden können. Insgesamt ist der Umgang der Menschen untereinander rücksichtsvoller, das spiegelt sich deutlich bei den Warteschlangen wider.

Fernsehen erlebt eine Renaissance, ebenso steigen die Digital- und Printabos von Tageszeitungen stark an. Zugleich kommen die Medien aufgrund wegfallender Werbegelder in wirtschaftliche Bedrängnis. Digital werden nicht nur Medien stärker konsumiert, auch Freundestreffen, Sportkurse und berufliche Meetings im Homeoffice finden online statt. Nicht zuletzt ist die Anzahl an Online-Bestellungen rasant gestiegen. Die Post und weitere Dienstleister konnten die Paket-Flut zeitweise nur verzögert zustellen. Insgesamt hat die Digitalisierung in allen Bereichen einen großen Schub erlebt, in der Gesellschaft, im Geschäftsleben und in den Schulen.

Nachbarschaftshilfe und Wir-Gefühl

Das Miteinander hat sich stark in die digitale Welt verschoben: Sportkurse, Freundestreffen, kulturelle Veranstaltungen etc. stärken trotz fehlendem physischen Kontakt den Zusammenhalt und das Wir-Gefühl. In bisher anonymen Nachbarschaften (v.a. im urbanen Umfeld) lernen sich die Menschen kennen, es entstehen Nachbarschaftshilfen. Die Gemeinden und zahlreiche Organisationen kümmern sich um die Zustellung von Einkäufen an Risikogruppen, zahlreiche Freiwillige melden sich. Das Angebot an einheimischen Erntehelfern übersteigt zeitweise sogar die Nachfrage, auch wenn es nicht immer zu einem Einsatz kommt. Systemrelevante Berufe – von der Kassiererin über Reinigungskräfte bis zum medizinischen Personal – erfreuen sich einer Welle der Anerkennung, auch unter jungen Menschen.

Globalisierung: Gerne, aber unter welchen Bedingungen?

Die exportorientierte und international gut vernetzte Schweiz stellt die Globalisierung und ihre Vorteile insgesamt nicht in Frage – das Land ist in vielerlei Hinsicht gerade jetzt auf sie angewiesen. Allerdings wird vemehrt hinterfragt, ob in systemrelevanten Bereichen die Produktion und/oder die Lieferkette nicht vermehrt ins Land oder zumindest nach Europa verlagert werden müsste, auch zu höheren Kosten. Im Gewerbe und im Tourismus wird der lokale Gedanke gestärkt, die Devise lautet „buy local“ bzw. „Mach Urlaub im eigenen Land“. Deutlich spürbar ist dies in der Unterstützung kleiner Geschäfte, die innerhalb kürzester Zeit einen Lieferservice oder Onlinehandel aufbauten.

Gleichzeitig sehnen sich viele in der Bevölkerung nach einer Öffnung der Grenzen für den Tourismus: Zahlreiche Tourismusdestinationen sind abhängig von ausländischen Gästen – auch aus den Fernmärkten, rund ein Drittel der Bevölkerung plant gemäß einer aktuellen Umfrage bereits einen Auslandsurlaub. Die für Juni festgelegten Grenzöffnungen zu Deutschland, Frankreich und Österreich und die voraussichtlich darauf folgenden Öffnungen zu den Mittelmeer-Feriendestinationen werden sehr positiv aufgenommen.

Respekt für Österreich

Anfänglich war das Bild Österreichs in den Medien durch die Diskussion über das zögerliche Handeln in Ischgl geprägt. Allerdings blieb aufgrund von „Corona hot spots“ und den Herausforderungen an der weiterhin offenen Grenze zu Italien im eigenen Land (Tessin) der große Fingerzeig aus. Positiv wirkte sich das entschlossene und klar wirkende Krisenmanagement der österreichischen Regierung aus. Es sorgte für Respekt, teilweise sogar Bewunderung: Aus Schweizer Sicht meistert Österreich die Corona-Herausforderungen gut und man vertraut, dass das Land in der Lage ist, die richtigen Maßnahmen für einen sicheren Urlaubsaufenthalt zu setzen.

Zeitpunkt und Inhalt bei der Kommunikation

Bei der Wiederaufnahme der Kommunikationsaktivitäten sind sowohl dem Zeitpunkt als auch dem Inhalt große Bedeutung zuzumessen. Schweiz Tourismus und regionale Tourismusorganisationen haben ihre Kommunikationsaktivitäten bereits gestartet. Sie konzentrieren sich in ihren Botschaften jedoch entweder auf inspirierende Inhalte oder auf den Gast selbst. Bei ausländischen Destinationen wird sehr viel Fingerspitzengefühl notwendig sein. Auch von politischer Seite wird die Bedeutung des Inlandstourismus für die Schweizer Wirtschaft betont, eine emotionale Rede des Schweizer Finanzministers wird stark beachtet. Wie bereits beim Frankenschock im Jahr 2015 gilt es, eine mögliche Patriotismus-Diskussion zu vermeiden, um das „Bleib daheim“-Lager nicht zu stärken. In der Sprache soll von aggressiven Buchungsangeboten abgesehen werden. Vielmehr geht es darum, mit inspirierenden Inhalten zu punkten und wie zu Vor-Corona-Zeiten auf seine Stärken zu setzen.

 

Video und Podcast zu Schweiz

Zürich, 17. April 2020: In der zweiten Folge der Podcast-Reihe ÖW Global erklärt Carmen Breuss, warum Kooperationen inner- und außerhalb der Corona-Krise sinnvolle Schachzüge sind. Sie erklärt die wichtigsten Motive und Ziele für Tourismus-Kooperationen und die richtige Herangehensweise. Ihr Credo: „Kooperationen sind wie Beziehungen. Alle Beteiligten müssen dran bleiben, Vertrauen aufbringen und einen fairen Beitrag zum gemeinsamen Erfolg leisten.“


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