Russische Föderation Mood Monitoring

Russische Föderation: Mood Monitoring

Mitte Mai 2020: verschärfte Maßnahmen, aber Lockdown beendet - Diskrepanz zwischen Infos aus Fernsehen und sozialen Medien - starker Zusammenhalt der Bevölkerung - Globalisierung fehlt den Menschen momentan - aktive Urlaubsgestaltung wird gefragt sein

Unmut macht sich breit - sinkendes Verständnis für die (verschärften) Maßnahmen

Nachdem Präsident Putin trotz steigender Fallzahlen mit Wirkung per 12.5. den Lockdown für "systemrelevante Betriebe" in Moskau aufgehoben und die von ihm ausgerufene "arbeitsfreie Zeit" bei gleichbleibender Lohnfortzahlung für beendet erklärt hatte, machte sich Unmut in der Bevölkerung breit - für die Bevölkerung wurden die Maßnahmen mit einer zusätzlichen Masken- und Handschuhpflicht in Geschäften, öffentlichen Verkehrsmitteln und auf "öffentlichen Plätzen" (also quasi überall beim Verlassen des Hauses) noch verschärft.

Misstrauen

Menschen lernen Tricks, um z. B. das Passierscheinsystem zu umgehen. Während im Fernsehen die Erfolge in der Corona-Behandlung und -bekämpfung unterstrichen werden, ist in Social Networks immer wieder von medizinischen Versorgungsengpässen und unzureichenden Spitalskapazitäten für einzelne Gruppen (z. B. Gastarbeiter) zu lesen. Das Misstrauen steigt, "Verschwörungstheorien" sind weit verbreitet, die Unsicherheit schweißt die Menschen jedoch auch zusammen.

Zusammenhalt in der Krise

Die Zeit der Ausgangssperre, der Einschränkungen und wirtschaftlichen Krise und der geschlossenen Grenzen weckt gerade bei vielen älteren Menschen Reminiszenzen an das Eingeschlossensein und die wirtschaftlichen Probleme in den späten sowjetischen Jahren, aber auch in der postsowjetischen Zeit. Die "Datscha" als Zufluchtsort auf dem Land, Misstrauen in das staatliche Sozial- und Gesundheitssystem und die Notwendigkeit, Verwandte und Freunde auch in finanzieller Hinsicht zu unterstützen, schaffen Zusammenhalt.

Globalisierung wird wieder herbeigesehnt

Der noch immer geringe Umfang an Produktion im eigenen Land macht die Russen abhängig von importierten Waren. Nachhaltiges Denken und Handeln nehmen zwar in der urbanen Bevölkerung - und dort vor allem unter jüngeren, gut gebildeten Menschen - rasch an Fahrt auf, sind jedoch noch weit davon entfernt, eine Grundhaltung für die breite Masse darzustellen. "Chancendenken" im Zusammenhang mit den Einschränkungen im Reiseverkehr und den wirtschaftlichen Einschnitten ist nur teilweise vorhanden - man sehnt sich vielmehr nach dem breiten Konsumangebot, das die Globalisierung und die Reisefreiheit ermöglicht und hofft, dass die Beschränkungen bald wieder aufgehoben sind.

Reisen wird nicht in Frage gestellt

Nicht das Coronavirus oder gesundheitliche Überlegungen oder Bedenken, sondern die aus der Coronakrise resultierenden wirtschaftlichen Einschränkungen - die das Reisen teurer machen - sind für die Einstellung zum Reisen hauptausschlaggebend. Die stark EU-kritische mediale Berichterstattung kann der historisch gewachsenen hohen Wertschätzung für Europa und seine Errungenschaften - und damit auch für die zahlreichen Vorzüge Österreichs als Urlaubsland - nichts anhaben. Die Einschränkungen im Alltag und der wirtschaftliche Rückgang werden in Bezug auf das Reisen in Destinationen mit einem so hochwertigen Angebot wie Österreich noch stärkere Begehrlichkeiten als vor der Krise wecken.

Urlaub als Kontrast zum Alltag wird wichtig sein

Russische Gäste werden nach der Coronakrise noch mehr Wert auf Qualität und Sicherheit legen. Das Interesse dafür, wie das "neue Leben" nach dem Abklingen der Corona-Krise aussieht und gelebt wird, wird groß sein. Die für russische Gäste wichtigen, qualitativ hochwertigen Zugänge bei Service und Infrastruktur werden für russische Gäste "prestigeträchtige" Erlebnisse darstellen, die ihr Urlaubserlebnis zu einem Kontrast zu ihrem Alltag in der Großstadt werden lassen. Monatelange Einschränkungen bei Sport und Bewegung werden das Augenmerk auf entsprechende, ausgleichende Aktivitäten im Urlaub (Skifahren, Winterwandern, Aktiv- und Gesundheitsangebote) ziehen. Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise werden sich - wie nach der Wirtschaftskrise in Russland 2014-2016 - weniger auf die Kernleistungen als auf die Nachfrage nach günstigen Komplementärleistungen auswirken. Der Fokus beim Einkaufen im Urlaub wird auch nach Corona stärker auf "Billa" statt "Prada" liegen.


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