Italien Mood Monitoring

Italien: Mood Monitoring

Ende Juli 2020: Regional unterschiedliche Stimmungen - Zukunftssorgen - Wiederentdeckung der Werte - Globalisierung wird diskutiert - noch spontanere Buchungen erwartet

Unterschiedliche Stimmungslagen

Gemäß dem Verlauf der Pandemie ist der Zugang und das Stimmungsbild regional sehr unterschiedlich:

So herrscht in der Lombardei im öffentlichen Raum nach wie vor Maskenpflicht. Die Lockerungsmaßnahmen im Verlauf des Junis haben zu keiner merklichen Erhöhung der Neuinfektionen geführt. Mehr als die Hälfte der 20 Regionen Italiens melden seit Wochen keine Neuansteckungen mehr. Dies steigert das Vertrauen der Bevölkerung in die gesetzten Maßnahmen der nationalen und regionalen Regierungen.

Die Mobilität der Bevölkerung hat wieder stark zugenommen. Man unternimmt wieder Ausflüge und der traditionelle Strandausflug am Wochenende findet wieder statt. Trotzdem agieren die Italiener weiterhin sehr achtsam und diszipliniert.

Fast ein Drittel bleibt zu Hause

Die Produktivität der Wirtschaft hat im Mai bereits wieder merklich angezogen, liegt jedoch ca. 20 % hinter dem Vergleichsmonat des Vorjahres. Trotzdem wird dies als starkes Signal für eine sich stetig erholende Wirtschaft gewertet. Nahezu die Hälfte der Bevölkerung gibt an, dass sich der finanzielle Spielraum durch Corona stark eingeschränkt hat. 30 % machen sich große Sorgen um ihren Job. Am meisten sorgen sich Selbstständige um ihre finanzielle Zukunft, bzw. um die Bedienung finanzieller Verpflichtungen. Etwa zwei Millionen Beschäftigte sind noch bis September in Kurzarbeit. Aktuell - abhängig von den Ergebnissen des EU-Gipfels - wird über eine Verlängerung dieser Maßnahme diskutiert. 30 % der Italiener geben in einer von der Banca d'Italia durchgeführten Studie an, in diesem Jahr auf den Sommerurlaub zu verzichten.

Große Themen

Die großen gesellschaftspolitischen Themen sind: Impulse für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt, Stärkung des Gesundheitswesens, Innovation und Digitalisierung, Green-Economy und der Abbau von überbordender Bürokratie (Simplify), die zu einer gesteigerten Effizienz der Verwaltung führen soll.

Dem Land entgehen ca. 100 Milliarden Euro an Steuereinnahmen durch ineffiziente Strukturen und/oder mafiose Geschäftspraktiken. All diese Themen gelten quasi als nationale Restart-Agenda und finden in der Bevölkerung breite Unterstützung.

Zudem bemüht man sich, den großen regionalen Unterschieden zwischen den Regionen und dem traditionellen Bild eines wirtschaftlich starken Nordens gegen einen unterstützungsbedürftigen Süden, die in Zeiten von Corona kein Thema waren, aktiv zu begegnen. Solidarisches Verhalten entwickelt sich zu einem viel besprochenen Thema.

Selbstverständliches wird mehr geschätzt

Die Bewältigung des Alltags in Zeiten der Pandemie hat unter anderem gezeigt, wie sehr man auf das Funktionieren von Versorgungssystemen (Gesundheit, Nahrung, Transport, Müll) angewiesen ist. Dies führt zu einem neuen Verständnis für die Wichtigkeit von sogenannten "systemrelevanten" Berufen, aber auch zur Wertschätzung von Kooperation in der Gesellschaft.

Des Weiteren wurde man sich bewusst - bedingt durch Homeschooling - wie elementar eine gut funktionierende Familie und die Hilfsbereitschaft von Verwandten und Freunden ist. Zudem waren viele Familienzusammenkünfte und -feiern während der Pandemie nicht möglich. Diese (und ganz viele Hochzeiten) sollen möglichst rasch nachgeholt werden. Verlässlichkeit und Disziplin sind weitere Attribute, die post-COVID eine gesteigerte Wertschätzung erfahren.

Viele Unternehmen bestätigen auch, dass sie seit der Krise mehr Ressourcen in die nachhaltige Entwicklung von Kundenbeziehungen investieren wollen. Ebenso entwickelt sich das Thema der sozialen Gerechtigkeit zu einem wesentlichen Bedürfnis der Menschen, zumal nunmehr - im Gegensatz zum Beginn der Krise - deutlich wird, dass die prekären Verhältnisse mancher in der Gesellschaft mehr sind und sie durch die Krise stärker betroffen sind.

Maßvolle Globalisierung

ItalienerInnen der gehobenen Milieus unternehmen überdurchschnittlich oft und gerne Fernreisen. Singapur, Vietnam, die Malediven oder Mittel- und Südamerika sind beliebte (Winter-)Reisedestinationen. Man rechnet damit, dass diese Reiseziele frühestens im nächsten Jahr wieder erreichbar sein werden. Ob bis dahin die aktuell vorhandenen Vorbehalte gegenüber Langstreckenflüge wieder abflachen, kann noch nicht beurteilt werden.

Sachverhalte, wie zum Beispiel, dass mehrere tausende Näherinnen regelmäßig aus China eingeflogen werden, um Kleidung "Made in Italia" zu fertigen, sorgen für eine Diskussion hinsichtlich fairer Entlohnung, Profit-Maximierung und Umweltverträglichkeit. Maßvolle Globalisierung ist das Thema. Zudem beschäftigt das Land natürlich das Thema Flüchtlinge, bzw. die uneinige Haltung der EU-Staaten dazu.

80 % der Italienerinnen und Italiener wohnen im Eigentum und 18 % besitzen einen Zweitwohnsitz. In Zeiten der Unsicherheit verlagern viele Menschen ihren Urlaub in das eigene Domizil, teilen es oder stellen es Familienangehörigen und Freunden zur Verfügung. Dieser Umstand wird heuer besonders genutzt.

Auswirkungen der späten Grenzöffnung

Aufgrund des Umgangs mit der Coronakrise sowie der Österreich generell zugesprochenen kulturellen und landschaftlichen Attraktivität, als auch der Sicherheit und der sehr guten medizinischen Versorgung genießt das Land allgemein sehr großes Vertrauen. Zudem sei angemerkt, dass Italien nach Deutschland der zweitwichtigste Wirtschaftspartner Österreichs ist. Es gibt daher auch ausgeprägte Beziehungen abseits des Tourismus. Die späte Grenzöffnung zu Italien - beide Länder teilen sich eine Grenze von 440km Länge - und die Haltung Österreichs in Bezug auf EU-Finanzhilfen haben jedoch für Aufregung und Medienniederschlag gesorgt und darunter hat wohl auch die generelle Beliebtheit gelitten. Ob dadurch mittelfristig Auswirkungen auf die Einstellung zu Reisen nach Österreich resultieren werden, lässt sich aktuell nicht abschätzen.

Willkommen?

Bedingt durch den Umstand, dass Italien - oder genauer gesagt einige Regionen im Veneto und in der Lombardei - als erste von der Pandemie betroffen waren, wurde Italien oftmals als Krisengebiet bezeichnet. Die hohe Zahl an Todesfällen ist vor allem der sehr späten Reaktion (Lockdown) und einer unzureichenden medizinischen Ausrüstung geschuldet. Viele Italiener fragen sich nach wie vor, ob sie überhaupt willkommen sind. Daher ist es wünschenswert, dass man den sehr konsequenten Umgang mit der Pandemie und das Krisenmanagement entsprechend wertschätzt. Gäste aus Italien buchen generell sehr spontan. Dieser Sachverhalt dürfte sich heuer noch weiter verstärken. Generell ist jedoch davon auszugehen, dass jene Gäste, die heuer Österreich für einen Aufenthalt wählen, mit dem Land und den Usancen gut vertraut sind.


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