Italien Mood Monitoring

Italien: Mood Monitoring

Mitte Mai 2020: Hilfsbereitschaft groß - weite Teile der Bevölkerung betroffen - Sorgen wg. wirtschaftlicher Auswirkungen - höhere Sensibilität dem Nächsten gegenüber - Rekordzugriffe auf Einkaufsportale - Reisewünsche bestehen - kreative Zugänge bei der Kommunikation gefragt

Von der Politik bis zum geschenkten Einkauf

Im ersten Moment des Schocks (Entdeckung des Virus und Verordnung der nationalen Quarantäne) ging ein Ruck der Einigkeit durch die Nation mit ihren 20 doch sehr unterschiedlichen und zum Teil unterschiedlich autonom verwalteten Regionen. Regeln wurden und werden sehr konsequent befolgt, es wurde gemeinsam am Balkon gesungen. 8 Wochen später zum Ende der Ausgangssperre können wir sehen, wie hier wieder durch politisch unterschiedliche Zugänge dieser Zusammenhalt mehrheitlich bröckelt. Auf der Stimmung in der Bevölkerung, die seit fast zwei Monaten in verordneter Kollektiv-Isolation auf weitere Lockerungen wartet, lastet natürlich die hohe Anzahl an Todesfällen sowie die Realisierung, dass das Virus weiterhin da ist und in gewissen Regionen die Ansteckungsgefahr weiterhin gegeben ist. Trotz des Wunsches nach mehr Alltag gibt es in der Bevölkerung – speziell in der Lombardei - viele Vorbehalte, ob die Situation wirklich schon so weit unter Kontrolle ist, dass Restaurants, Bars, Frisöre und Kosmetik-Studios – mit umfassenden Abstands- und Sicherheitsregeln - wieder öffnen können.

Die Angst vor „Social Distancing“ hat abgenommen. Zudem ist man genervt von den zum Teil divergierenden Einschätzungen der öffentlichen Institutionen. Die Regierung in Rom besteht aus einer Mitte-Links Koalition (Partito Democratico + Movimento 5 Stelle) und trifft die national gültigen Beschlüsse und Verordnungen. In der Provinzen Lombardei, Venetien, Friaul-Julisch-Venetien, die u.a. für das Krankenhauswesen in der Provinz zuständig sind, regiert eine Mitte Rechts (Lega) Regierung. In den Städten wie Mailand, Bologna oder Florenz, die u.a. für die öffentliche Sicherheit zuständig sind, stellen sozialistische Mehrheiten (Partito Democratico) den Bürgermeister. Die unterschiedlichen, zum Teil auch politisch motivierten Zugänge bzw. auch das Hinterfragen der Entscheidungen des jeweils anderen, sorgen für Unmut und Verdrossenheit.

Die Unternehmen haben „smart working“, wie Home-Office in Italien genannt wird, sehr schnell organisiert. Das hätte man sich vor der Krise wohl so nie zugetraut oder für möglich gehalten. Auch die Unternehmen, die für die sogenannten systemerhaltenden Leistungen verantwortlich sind, zeichnen sich durch Effizienz und Effektivität aus. Die Wahrnehmung der Unternehmen und Arbeitgeber generell hat sich verändert: Sie spüren allgemein eine größere Verantwortung, nicht nur im Hinblick auf die Qualität ihrer Leistungen, sondern auch eine soziale Verantwortung für ihre Mitarbeiter, Zulieferer und ihr regionales Umfeld. Viele Unternehmen nutzen die Krise, um den Einsatz ihrer Mitarbeiter in diesen herausfordernden Zeiten besonders zu würdigen.

Gleichzeitig herrscht eine neue Bereitschaft zu finanziellen Spenden vor, besonders für Gesundheits-Initiativen, für Sach- und Lebensmittelspenden für besonders Hilfsbedürftige. Vom „café sospeso“ bis zur „spesa sospesa“: Hier kann man nicht nur einen Kaffee, sondern einen gesamten Einkauf im Supermarkt für Bedürftige in einem Korb an der Straßenecke hinterlegen. 8 Millionen Arbeitnehmer sind in Kurzarbeit. Es gibt große Sorge hinsichtlich der Wirtschaftsentwicklung, des Arbeitsplatzverlustes, der Liquidität von Unternehmen und Banken. Man spekuliert über die mittelfristigen Auswirkungen der Covid-19 Pandemie. Auch in Bezug auf die hiesige Tourismuswirtschaft, wenn Unternehmen vielleicht nicht mehr in der Lage sein werden, wieder zu eröffnen (Hoteliers, Bars, Restaurants, Busunternehmen).

Neues Informationsverhalten

Das Fernsehen ist das bevorzugte Medium. Vor der Quarantäne nutzten mehr als 80 % der Italiener mindestens ein Medium pro Tag, während der Anteil heute 91 % beträgt. Die Hälfte der Italiener (49 %) sucht nach Informationen über die Entwicklung der Covid-19-Situation, über die aktuell gültigen Beschränkungen und zwei Mal pro Tag Informationen zur „Restart-Perspektive der Phase 2“. TV on Demand und TV-Theken wie Netflix, Amazon prime, Raiplay (Mediathek des nationalen TV-Senders) und auch die Interaktionen und Nutzung sozialer Netzwerke nehmen zu.

Radio und Spotify: Die Zahl der Hörer nimmt zu, aber ihre Gewohnheiten ändern sich: Früher wurde das Radio speziell während der Fahrt zum/vom Arbeitsplatz gehört, jetzt den ganzen Tag über.

Stärkere Digitalisierung der Familie: Da die Schulen und Unis bis September geschlossen sind, wird der Unterricht ausschließlich via Online-Channels oder Zoom-Schaltungen durchgeführt. Dies erfordert eine totale Umstellung im Haushalt. Nachdem die Schulen – aber auch Kinderbetreuungsstätten – bis September geschlossen bleiben, machen sich viele Eltern – speziell Doppelverdiener – Gedanken, wie sie die nächsten Monate Arbeit und Familie kombinieren können.

Mehr Gemeinschaft, mehr Sensibilität, mehr manuelle Tätigkeiten - und alles mit Abstand

Man wechselt die Straßenseite, wenn einem jemand entgegen kommt; man meidet Aufzüge; man unterhält sich öfter als früher mit seinen Nachbarn, aber aus der Ferne; man hat mehr Zeit dafür; man achtet mehr auf seine Nachbarn als früher. Die Bedeutung von wissenschaftlichen Gemeinschaften wurde quasi wiederentdeckt. Der Schwerpunkt hat sich auf Virologen, Krisen-Management-Experten und sämtliche Rollen im Gesundheitswesen verlagert. Eine gewisse Spiritualität wurde wiederentdeckt, die vielleicht auch von einem generellen Angst- und Unsicherheitsgefühl getrieben wird; der Papst setzte mit seinen Aktionen (Spaziergang in Rom, Online-Predigten ) sehr starke und symbolträchtige Gesten, die in der Glaubensgemeinde sehr gut angekommen sind. Es scheint sich ein gesellschaftlicher Wandel zu vollziehen: Die Menschen hören genauer zu und (re)agieren sensibler. In Zeiten der Quarantäne steigt das Bewusstsein für körperliche Aktivität: die Live-Streams in den Sozialen Medien in Italien zu Pilates, Workouts, Yoga sind nahezu explodiert. Es besteht mehr Interesse an manuellen Tätigkeiten wie Heimwerken und Kochen. Brot zu Hause zu backen ist in Italien zum Nationalsport geworden. Die Familie ist wichtiger geworden, man entdeckt die Bedeutung der einfachen Dinge wieder, man kocht und isst gemeinsam, spielt Gesellschaftsspiele.

Freiheit des Reisens wird vermisst

Exponentielles Wachstum der Online-Einkäufe hat die Bestell-Portale für einige Tage zum Absturz gebracht; es gab +97 % Online-Einkäufe von Lebensmitteln im März, gleichzeitig aber auch eine Tendenz zum Einkauf von vor allem Obst und Gemüse in lokalen kleinen Geschäften in der Nachbarschaft. Italiener, speziell die Jungen, wollen rasch wieder Flugreisen unternehmen und mehr als ihre eigenen vier Wände sehen.

Reiseveranstalter: Im Moment nur innerhalb der Provinz reisen zu können, beschäftigt die Menschen sehr. Die Bewohner der italienischen Metropolen sind es gewohnt, am Wochenende ans Meer oder in die Berge zu fahren oder eine Sehenswürdigkeit zu besuchen. Die Menschen vermissen diese Freiheit des Reisens. Junge Menschen, die gerne und viel reisen, schauen diesbezüglich ungewiss in die Zukunft. Wer seinen Job verliert, muss zwangsläufig auch auf (Auslands-)Reisen verzichten. Österreich wie auch die anderen Nachbarländer sind Zweiturlaubsländer. Im Herbst zum Beispiel Kurzurlaub in einem Nachbarland zu machen, gilt als äußerst attraktive Option. Für Italiener gilt Österreich als besonders sicher (gut organisiert), mit einer verlässlichen Gesundheitsversorgung – man fragt sich jedoch, ob dies auch in italienischer Sprache funktionieren würde; Italiener schätzen Österreich einfach als „besser organisiert“ ein.

Urlaubsservice: In den Anfragen wird der Wunsch und die Hoffnung, in das geliebte Österreich zurückzukehren, immer wieder unterstrichen. Es gibt bereits Buchungen für den Sommer (Juli/August) und man hätte gerne die Bestätigung, dass man diesen Sommer reisen kann, bzw. eine Versicherung, dass man ggf. kurzfristig stornieren kann.

Neuer Fokus beim Reisen

Reisejournalisten und Influenzer berichten vom Wunsch zu reisen, vor allem mit Fokus auf die Natur, kleine Dörfer und Regionen oder auch Weitwanderwege, wo es nicht zu viele Menschen gibt, wo ein Gefühl der Sicherheit herrscht. Ein Nachfrage-Fokus sind die Maßnahmen zu den Themen Hygiene und Social Distancing in den österreichischen Hotels.

Die Nachfrage nach Städtereisen und Kulturgenuss ist noch nicht gegeben. Hier weiß man wohl aufgrund der Erfahrungen im eigenen Land, dass es noch eine Weile dauern wird, bis Opernaufführungen und Konzerte etc. möglich sein werden.
Social Media: In den ersten drei Wochen der Corona-Krise verzeichnete die ÖW auf ihren Social-Mediakanälen eine überschaubare Anzahl kritischer Kommentare. In der Wahrnehmung vieler Italiener hat Österreich „die Grenzen zu Italien geschlossen“, was man dem Nachbarn übel nimmt. Kritisch auch die Diskussion im Bezug auf die sogenannten Corona-Bonds: Österreich wird als eines jener Länder wahrgenommen, die diese Idee nicht unterstützen. Aktuell beobachtet man sehr genau, wie Österreich Lockerungen implementiert. Jegliche Diskussion über mögliche bilaterale Reiseabkommen, die zum Beispiel österreichische Touristen nach Kroatien lenken könnten, löst Unmut aus – speziell an der Adriaküste, wo man sich schon sehr nach Gästen aus Österreich sehnt.

Vorsicht bei der Kommunikation: Zuversicht und Sicherheit

In der Kommunikation sollen Attribute wie Vertrauen, Solidarität, Sicherheit und Zuversicht dominieren. Man hat das Gefühl, dass man während dieser Zeit wenig Hilfe aus den Nachbarländern erfahren hat. Die Kommunikation sollte das große Engagement Italiens zur Bekämpfung des Virus würdigen. In Sachen Tonalität setzen wir auf einen freundlichen, beruhigenden, heiteren Ton; Gäste (zumindest viral) wieder willkommen heißen; Freude und Zuversicht teilen, dass Reisen hoffentlich bald wieder möglich ist; speziell bei den Online-Aktivitäten empfehlen wir mehr kreative Zugänge sowie leichte und unterhaltsame Inhalte zu verwenden. Aktuell ist es definitiv noch zu früh für eine angebotsorientierte Kommunikation. Italien gewöhnt sich seit 4. Mai erst an ein wenig mehr Bewegungsfreiheit innerhalb der jeweiligen Regionen. Meldungen wie, "Alle Hotels in Österreich sind ab Ende Mai geöffnet." gilt es aktuell nicht pro-aktiv zu kommunizieren.


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