China Mood Monitoring

China: Mood Monitoring

Mitte Mai 2020: Freude trotz latenter Angst - virtuelle Reiseführungen - viele neue digitale Lösungen - Vorsicht überwiegt derzeit - Gruppenreisen momentan unvorstellbar - zurückhaltende und achtsame Kommunikation

Frühlingsfreude in China

Der Donnerstag vor den Mai-Feiertagen setzte vielen Pekingern wieder ein Lächeln aufs Gesicht. Die verpflichtende Quarantäne bei der Ankunft in Peking war gefallen. Die Einwohner Pekings können sich seitdem wieder einigermaßen frei bewegen. Generell macht sich in China vorsichtige Freude breit. Das Leben in den Städten nimmt wieder ähnliche Züge an, wie vor der Krise, wenngleich die Auswirkungen wirtschaftlicher und privater Natur noch nicht abzusehen sind. Trotz aller Frühlingsfreuden sind eine latente Angst und Vorsicht noch nicht gewichen. Obwohl seit 17. Mai die Maskenpflicht unter freiem Himmel in Peking gefallen ist, tragen fast alle Passanten noch die Maske. Die verhaltene Freude und die starke Vorsicht vereinen sich zu einem neuen Pragmatismus, mit dem man den Gefahren und Folgen des Virus gegenübertritt.

Unzivilisiertes Verhalten am Pranger

Spätestens seit den Olympischen Spielen 2008 in Peking startete die Regierung in der Hauptstadt immer wieder Kampagnen gegen "uncivilised behaviour" wie öffentliches Ausspucken etc. Strafen bis zu RMB 200,- (ca. 27 EUR) waren dafür vorgesehen, wurden aber nie eingehoben. Nun legt man - wohl aus hygienischen Gründen - wieder verstärkt ein Augenmerk auf das Einhalten dieser Regeln.

Die starke Innovationskraft der Digitalisierung in China bringt auch dem Tourismusmarketing und dem Erleben von Destinationen neue Ideen. Live-Streaming aus den Destinationen (inkl. Verkauf von lokalen Produkten) und virtuelle Führungen durch Destinationen dienen aktuell als Reiseersatz und sollen die Reisesehnsüchte der Chinesen stillen.

Lange Liste an guten Vorsätzen

Einige erste Umfragen zeigen, dass sich die Menchen in der Krise viel Gutes vorgenommen haben: Man möchte sich in der Zukunft gesünder ernähren, mehr Wert auf die Qualität der Lebensmittel legen, man möchte mehr Sport treiben, insgesamt gesünder leben usw. Die Umfragen lesen sich wie eine Liste an Neujahrsvorsätzen. Die Werte scheinen sich eher ein wenig der Demut zu verschreiben als dem Motto "Carpe diem" zu frönen. Im Moment ist es allerdings noch schwer abzuschätzen, wie sich die Werte nach der Krise darstellen werden. Dass Vorsicht und etwas Angst, v.a. außerhalb des gewohnten Umfeldes in der ersten Phase präsent bleiben werden, scheint gewiss.

Neue wichtige Aussagen zu Chinas Positionierung in der Welt werden am demnächst beginnenden nationalen Volkskongress in Peking erwartet.

Trotz Reisewarnung wird ein gutes Bild von Österreich gezeichnet

Im Moment gibt es klare Abschottungstendenzen Chinas. Zahlreiche westliche Staats- und Regierungschefs senden im Moment kritische Signale in Richtung China. Ausländer gelten als Sündenböcke und Gefahrenherd für die Wiedereinschleppung des Virus. Und doch produziert China trotz eines gigantischen Binnenmarktes für die Welt und ist auf Importe und Exporte angewiesen. Zu eng ist die globale Verflechtung von Lieferketten und internationalem Handel. Urlaubsreisen sind als Konsumgut der oberen Mittelschicht und der Oberschicht etabliert. Bei der großen, teils enthusiastischen Reisefreude der Chinesen in den letzten Jahren ist es schwer vorstellbar, dass der Wunsch, Neues zu sehen, zu erleben, Eindrücke auf Reisen zu sammeln etc. nicht mehr vorhanden ist. Es ist davon auszugehen, dass nach dem Wegfall der Reisehemmnisse der chinesische Auslandsreiseverkehr wieder stark zunehmen wird. Für Österreich gibt es im Moment zwar noch eine Reisewarnung, allerdings wird in China ein Österreich-Bild vermittelt, das ein schnelles und bestimmtes Handeln gegen das Virus zeigt. Österreich wird im Krisenmanagement - v.a. im Vergleich zu vielen anderen europäischen Destinationen - als sehr positiv dargestellt.

Eine besondere Einstellung zu Reisen nach Österreich in China ist nicht feststellbar. Eher geht es um das aktuelle Image Europas in China. Reisen nach Österreich werden wieder aufgenommen, wenn Interkontinentalreisen wieder möglich sind und es absehbar ist, dass man das Virus in Europa im Griff hat.

Achtsame Kommunikation notwendig

Es ist davon auszugehen, dass die Bedeutung der digitalen Medien und Plattformen weiter steigt. Im Zuge der aktuell sehr schwierigen Lage der klassischen Reisebranche ist es nicht klar, wann und wie klassische Reiseveranstalter und Reisebüros eine tragende Rolle bei der Reiseentscheidung und Reiseinformation spielen werden. Unvorstellbar ist es im Moment, dass eine klassische Gruppenreise (mit 50 Personen, dicht an dicht gedrängt, im engen Bus, in der engen Economy-Class, zu sehr günstigen Preisen etc.) eine rasche Renaissance erlebt. Eine zunehmende Bedeutung wird der "Corona-Tauglichkeit" des Produktes beigemessen werden. Orte und Veranstaltungen, bei denen "social distancing" nicht möglich ist, werden weniger Nachfrage erfahren. Hotels werden künftig ihre "sanitäre" Sicherheit unter Beweis stellen müssen, ebenso wie z.B. ein erweitertes Angebot an "room-service" oder "room-delivery". In der Tonalität geht es sicher darum, zurückhaltend und achtsam zu kommunizieren und viel Wert auf die aktuellen Befindlichkeiten chinesischer Gäste zu legen (Sorge, Unsicherheit, "Corona-Tauglichkeit") ohne sie explizit beim Namen zu nennen.

Video und Podcast zu China

Peking, 30. April 2020: In der neuen Folge der Podcast-Reihe ÖW Global geht es nach China. Wir sprechen mit unserem Kollegen Emanuel Lehner-Telič, der das Österreich Werbung-Marktbüro für den asiatischen Raum in Peking führt. Er berichtet über Reisebüros, die lebende Hühner verkaufen, eine Gesundheitsapp, ohne die das öffentliche Leben unzugänglich ist, und welche Möglichkeiten es gibt, österreichische Urlaubsprodukte den neuen Bedürfnissen der chinesischen Bevölkerung anzupassen.


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