Kleine Beträge für große Ideen.

Kleine Beträge für große Ideen.

Crowdfunding ist von einem Modetrend zu einer beliebten Geldquelle für Unternehmer geworden. Besonders im Tourismus bieten alternative Finanzierungsmodelle Chancen außergewöhnliche Konzepte zu verwirklichen und die Kundenbindung zu stärken.

EIN BEITRAG AUS DEM BULLETIN APRIL-MAI 2017

Manche Produkte wirken einfach zu verrückt, um Investoren zu finden: die von US-Forschern genetisch veränderte Pflanze etwa, die im Dunkeln wie eine Nachttischlampe leuchtet, oder der von einem niederländischen Studenten entwickelte Staubsauger, der Plastikmüll aus dem Meerwasser saugen soll. Auch solche außergewöhnlichen Ideen dürfen heute auf die Gunst von Geldgebern aus aller Welt hoffen: Crowdfunding setzt auf die Macht der Masse, um mit vielen kleinen Beiträgen Großes zu bewirken.

ALTERNATIVE FINANZIERUNG GEFRAGT

Als alternative Finanzierungsmöglichkeit fasst Crowdfunding auch im Tourismus immer mehr Fuß. Denn anstehende Renovierungen zu finanzieren oder neue Projekte umzusetzen ist besonders für Touristiker oft eine Herausforderung. An einen Bankkredit in der entsprechenden Höhe zu kommen, ist schwerer geworden, da die hohen Anforderungen an die Eigenkapitalquote und die Schuldentilgungsdauer von den Betrieben oft nicht hinlänglich erfüllt werden können. Wenn das nötige Kapital fehlt, entscheiden sich immer mehr Touristiker dafür, ihre Gäste zu Investoren zu machen. So konnte eine Crowdfunding-Aktion im Vorjahr das Skigebiet am Loser im Ausseerland vor der Schließung bewahren. Via Crowdfunding konnten 609.950 Euro für den Bau einer Beschneiungsanlage gesammelt werden, die gemeinsam mit staatlichen Förderungen und dem Kapital des Eigentümers den Fortbestand des Skigebiets sichern soll. Auch die Gasteiner Bergbahnen setzen auf Crowdfunding, um den Bau neuer Liftanlagen mit zu finanzieren.

INVESTIEREN PER MAUSKLICK

Bei einer klassischen Crowdfunding-Aktion wird eine Mindestkapitalmenge festgelegt, die erreicht werden muss, bevor die Aktion startet. Für diese Leistung erhält der Crowdfunder je nach Modell eine Gegenleistung, z.B. Rechte, Geld oder Sachleistungen (Überblick über die Modelle siehe Kasten). Die Abwicklung von Crowdfunding-Projekten erfolgt meist über eigene Plattformen, die Verträge bereitstellen, beratend zu Seite stehen und die Durchführung mit Technologie und standardisierten Abläufen unterstützen. Die größte Plattform im deutschsprachigen Raum ist Startnext, in Österreich ist Conda Marktführer. Über die Plattformen versuchen die Projektinitiatoren, möglichst viele potenzielle Geldgeber für ihre Idee zu begeistern. Das gelingt nicht immer. Laut einer aktuellen Studie, die vom Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft (BMWFW) in Auftrag gegeben wurde, ist eine gute und emotionale Geschichte zur Unternehmerpersönlichkeit entscheidend für den Erfolg. Außerdem braucht es eine begleitende Kampagne, um auch genug Menschen erreichen zu können. Sobald die Zielsumme erreicht werden konnte, gilt ein Crowdfunding-Gesuch als erfolgreich und die vorab gesammelten Gelder werden verfügbar. 

MODELLE KOMBINIEREN

Der Studie zufolge eignet sich der Tourismus besonders für Crowdfunding, das viele positive Zusatzeffekte wie z. B. die Kundengewinnung liefert, da sich dieser Wirtschaftszweig an den leichter erreichbaren Endkunden wendet. Tourismusbetriebe verfügen allerdings häufig nicht über ausreichend Erfahrungswerte und Informationen und haben einen zu hohen Finanzierungsbedarf, um allein auf Crowdfunding setzen zu können. Die Studienautoren empfehlen daher eine Kombination aus unterschiedlichen Finanzierungsmodellen: Eigenkapital, Förderungen, Darlehen und Crowdinvestment sollten einander ergänzen. Crowdfunding senkt durch das frühe Marktfeedback auch das Innovationsrisiko und fördert eine langfristige Kundenbindung.

PLATTFORMEN FÜR DEN TOURISMUS

Im Herbst 2016 ging die erste Crowdfunding-Plattform für Tourismus online: Die von der Österreichischen Hotel- und Tourismusbank GmbH (ÖHT) initiierte und von der Conda betriebene Plattform we4tourism.at möchte guten Tourismusideen einen Marktplatz bieten. Als erstes Projekt ging erst kürzlich das „adeo ALPIN Hotel“ von Hermann Maier und Rainer Schönfelder an den Start. Mit Unterstützung der Crowd soll das dritte Haus seiner Art in Bad Kleinkirchheim entstehen. Für Hoteliers hat der Kärntner Hoteleinrichter Furnirent in Kooperation mit Conda die Plattform hotel-crowdfunding.com ins Leben gerufen. Die Nutzer können in Hotelrenovierungen investieren und erhalten im Gegenzug Gutscheine, die in den jeweiligen Häusern eingelöst werden können. Für Hotelbetriebe wiederum bietet die Plattform die Möglichkeit, ihr Angebot mit individuellen Werbekampagnen neuen Kunden vorzustellen und ihre Liquidität zu erhöhen.

IN GRÜNE ENERGIE INVESTIEREN

Die „Rendite“ muss nicht immer monetärer Natur sein. Das Start-up Collective Energy hat sich zum Ziel gesetzt, zusammen mit der Crowd den Wandel im Energiebereich vorantreiben. Konsumenten werden zu Investoren und finanzieren über den Kauf von Gutscheinen Fotovoltaik- und Elektromobilitätslösungen. Collective Energy tritt dabei als Beratungsorganisation auf und unterstützt bei der Konzipierung und Umsetzung der Projekte. Im Rahmen der Initiative „Aus Sonnenschein wird bester Wein“, die gemeinsam mit dem niederösterreichischen Weingut Walek umgesetzt wurde, wurden die Teilnehmer mit nachhaltig erzeugten mit attraktiven Weinpaketen belohnt. Derzeit schnürt das Start-up in Zusammenarbeit mit der HoGast ein Angebot für die Hotellerie: Im Rahmen von Crowdfunding-Aktionen kaufen Gäste beispielsweise Gutscheinpakete zu 500 Euro und unterstützen damit zweckgewidmet den Bau einer Fotovoltaikanlage. Im Gegenzug erhalten sie in fünf aufeinanderfolgenden Jahren je einen 150-Euro Gutschein über Hotelzimmer oder Serviceleistungen der Häuser. Hoteliers können so flexibel freie Kontingente füllen und die Gäste über mehrere Jahre an den Betrieb binden. Denn die Macht der Crowd kann weit über die reine Finanzierung hinausgehen: „Nicht hotelfremde Investoren, sondern Stammgäste, die eine Beziehung zum Betrieb haben, sind die Zielgruppe. Damit lässt sich die Beziehung zwischen Gast und Hotelier auf eine neue Ebene heben“, ist Christoph Zinganell, Geschäftsführer von Collective Energy, überzeugt.

Crowdfunding-Modelle im Überblick:

1. Geld für eine gute Tat (Donation-based Crowdfunding)

Die Spender beteiligen sich in der Regel mit sehr geringen Beträgen und erhalten keine oder nur eine geringe Gegenleistung. Es zählt das gute Gefühl, ein Projekt ermöglicht zu haben, das sonst auf der Strecke geblieben wäre.

2. Geld für Anerkennung (Reward-based Crowdfunding)

Geldgeber erhalten eine materielle oder ideelle Anerkennung vom Projektumsetzer. Das kann bei einer Produktentwicklung beispielsweise die frühe Nutzungsmöglichkeit des Ergebnisses sein.

Wiener Kaffeehauskultur / Foto Lammerhuber

3. Geld für Zinsen (Lending-based Crowdfunding)

Dieses Segment deckt den Bereich der privaten Mikrokredite (Crowdlending) für Projekte in Form von nachrangigen Darlehen ab. Der private Geldgeber verleiht sein Geld über einen Plattformbetreiber oder direkt an eine Person bzw. ein Unternehmen. Als Rückfluss wird eine Verzinsung des Geldbetrags erwartet.

4. Geld für Beteiligung (Equity-based Crowdfunding)

Diese Form wird auch als „Crowdinvesting“ bezeichnet und ermöglicht eine Beteiligungs-
finanzierung meist schon ab ca. 100 Euro. Die Crowdinvestoren sind mittels Genussscheinen
oder als typische stille Gesellschafter am Unternehmen beteiligt.