Gemeinsam statt getrennt

Gemeinsam statt getrennt

Die Zusammenarbeit mit benachbarten Regionen und Ländern öffnet neue Horizonte und ermöglicht einen starken Marktauftritt. Welche Hürden sich dabei stellen und wie sie überwunden werden können, hat das bu//etin recherchiert.

Forschen, Arbeiten, Kommunizieren: Das Leben spielt sich heute in funktionalen Räumen ab, die sich nicht an administrative Grenzen halten. Der Austausch über die Grenzen von Gemeinden, Bundesländern und Staaten hinweg ist alltäglich geworden. Waren-, Arbeitsund Forschungsmärkte, aber auch Verkehrsnetze und Kulturangebote sind heute grenzüberschreitend ausgerichtet. Auch im Tourismus gehen benachbarte Destinationen immer häufiger gemeinsame Wege – und sind damit erfolgreich. Denn nicht gesetzlich gezogene Trennlinien, sondern der Erlebnisradius des Gastes steht im Fokus ihrer Angebote. Ein Ansporn und oft auch eine finanzielle Basis für die Umsetzung grenzübergreifender Projekte sind EU-Förderungen wie INTERREG. Als Initiative des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) zielt INTERREG auf die Förderung der Zusammenarbeit zwischen EU-Mitgliedsstaaten und benachbarten Ländern ab. Neben Infrastruktur-, Umweltschutz- und Bildungsprojekten kommen auch touristische Initiativen in den Genuss der Förderungen.

 GRENZENLOS WANDERN

  Zu den touristischen Leuchttürmen im grenzüberschreitenden Tourismus zählt der Alpe- Adria-Trail, der zum Weitwandern vom Großglockner bis zur Adria einlädt. Schon vor der Umsetzung des Projekts, das 2013 seinen Vollbetrieb startete, bestand eine lose Kooperation mit den Nachbarn. Als die Kärnten Werbung beschlossen habe, ein Leitprodukt zum Thema Wandern ins Leben zu rufen, habe man sich entschieden, die Partner wieder ins Boot zu holen, erzählt Roland Oberdorfer, zuständig für das Projektmanagement des Alpe-Adria-Trails bei der Kärnten Werbung. „Die Slowenen waren sofort hellauf begeistert. In Italien, wo das Wandern keinen so hohen Stellenwert hat, war etwas Überzeugungsarbeit notwendig“, so Oberdorfer. Als die positiven Effekte für alle spürbar wurden und in Italien zuvor geschlossene Betriebe aufgrund des wachsenden Besucheraufkommens wieder öffneten, war die anfängliche Unsicherheit überwunden. Die Zahl der Wanderer hat die Erwartungen weit übertroffen. Rund 64.000 Nächtigungen generiert der Trail pro Jahr. Allein 2015 ist durch den Wanderweg ein Umsatz von knapp 4,6 Mio. Euro verzeichnet worden. Dazu kommen noch 20.000 Tages-Wanderer. Die Zusammenarbeit mit den Partnern aus den Nachbarländern war allein schon aufgrund der sprachlichen Differenzen nicht immer einfach. Sie erschweren und verlangsamen die Kommunikation. Auch zeitaufwendige Behördenwege etwa für Genehmigungen erfordern viel Geduld. Damit alle Beteiligten langfristig hinter dem Projekt stünden, sei nicht Belehrung, sondern Toleranz gefragt, weiß Oberdorfer. Die Kooperation bietet einen fruchtbaren Boden für weitere trilaterale Aktivitäten: Mit Veranstaltungen entlang des Wegs machen die Projektpartner beispielsweise auch die Kulinarik der drei unterschiedlichen Kulturräume erlebbar.   

SATTELFESTE GRENZERFAHRUNGEN

Der 2012 eröffnete „Ciclovia Alpe Adria Radweg“ ebnete den Weg für Besucher, die im Sattel von der Stadt Salzburg bis ans Mittelmeer nach Grado reisen möchten. Teil des Partnernetzwerks sind die Provinz Udine, das Land Kärnten, das Land Salzburg, die Kärnten Werbung und SalzburgerLand Tourismus. Die Vorteile des Projekts sieht Paco Wrolich, Rad-Koordinator bei der Kärnten Werbung, in der Zusammenarbeit bei infrastrukturellen Maßnahmen wie der Instandhaltung der Wege und den gemeinsamen Marketingaktivitäten. Aufholbedarf gab es in den ersten Jahren bei der Bahn- Infrastruktur. So war die italienische Bahngesellschaft mit dem Besucherandrang am Anfang überfordert, die Züge waren überfüllt und Tickets konnten nicht gelöst werden. Dass die Italiener „anders ticken“, habe man mit der Zeit gelernt, die Partnerschaft sei sehr harmonisch. Denn nicht nur die  Besucherzahlen hätten den Radweg zu einem Erfolgsprojekt gemacht, betont Wrolich: „Die Kooperation hat uns zusammengeschweißt, wir konnten viel voneinander lernen“.   

STOLPERSTEINE BESEITIGEN

Unter dem länderübergreifenden Kernthema „Alpen-Salz“ steht der „SalzAlpenSteig“, der sich zwischen dem Hallstätter See, dem König- und dem Chiemsee erstreckt. Obwohl die touristischen Beziehungen mit den bayerischen Nachbarregionen weit in die Vergangenheit zurückreichten, sei der Weg zum Ziel etwas steinig gewesen, berichtet Franz Pötzleitner, Geschäftsführer des Gästeservice Tennengau. So habe man etwa im Bereich der Markierungen umdenken müssen: In Österreich sei die Beschilderung ein zentrales Element der Kennzeichnung, in Deutschland seien Markierungen erforderlich. „Da wurde am Anfang zu wenig mit den Grundbesitzern gesprochen, die von den vielen neuen, optisch auffälligen Markierungen überrascht waren“, erzählt Pötzleitner. Um die Qualität des Angebots zu gewährleisten und den hohen Ansprüchen des Deutschen Wandergütesiegels zu genügen, sei Kontinuität gefragt. Daher wurde einen Verein gegründet, der die Zusammenarbeit über mehrere Jahre hinweg auf sichere Beine stellt. Die Region wird auch bei den Marketingaktivitäten der Partner im Ausland mitgetragen – ein wesentlicher Vorteil. Dazu ist es notwendig, das Konkurrenzdenken abzulegen: „Einerseits sind wir Konkurrenten, die ein ähnliches Produkt anbieten. Durch den starken gemeinsamen Auftritt profitieren wir aber voneinander“, so Pötzleitner.  

BLÜHENDER WISSENSAUSTAUSCH

Auf einen starken Marktauftritt setzt auch die Niederösterreich Werbung, die die Nachbarländer Slowakei, Tschechische Republik und Ungarn als Kernmärkte definiert hat. Zu den grenzübergreifenden Aktivitäten zählt neben Mobilitätsangeboten wie Radrouten auch der regelmäßige Austausch im Bereich Kultur und Kulinarik. Neben groß angelegten Projekten wie der Landesausstellung im Jahr 2009 finden kontinuierlich kleinere Initiativen auf regionaler und lokaler Ebene statt – etwa das Festival Retz „Offene Grenzen“. Die Veranstaltung wird seit mehr als zehn Jahren in Retz und dem mährischen Znojmo gleichzeitig ausgetragen, in enger Abstimmung und mit einer gemeinsamen Vermarktung. Der traditionell engen Zusammenarbeit mit der tschechischen Nachbarregion Südmähren fügt die Niederösterreich- Werbung bis 2019 ein neues Kapitel hinzu: Der Verein „Die Gärten Niederösterreichs“ hat sich mit den Partnern Tourismuszentrale Südmähren und IMC Fachhochschule Krems zum Ziel gesetzt, den Erfahrungsaustausch zu fördern und gemeinsame touristische Angebote zu schmieden. Das neue EU-Projekt „GrünRaum – Inwertsetzung von Grünräumen“ baut auf der Kompetenz Niederösterreichs als „Gartenland“ auf und unterstützt die Vernetzung mit Südmähren und Vysočina, wo in den letzten Jahren zahlreiche historische Parkanlagen und Gärten revitalisiert wurden. Die Ergebnisse werden in einem Handbuch mit Qualitätskriterien für die Inwertsetzung von Grünräumen aufbereitet und als Basis für die weitere Produktentwicklung verwendet. Aufgrund der breiteren Vermarktung sollen Gäste aus anderen Destinationen dazu motiviert werden, die blühenden Schätze Niederösterreichs und Südmährens zu entdecken. 

KULINARISCHE ANKNÜPFUNGSPUNKTE

Wo Regionen eine gemeinsame Geschichte und Kultur teilen, finden sich immer verbindende Elemente, an die touristisch angeknüpft werden kann. Solche Elemente kann auch die Kulinarik bieten. Die „Bierweltregion“ stellt die Bier- und Braukultur im Raum Mühlviertel/Niederbayern ins Rampenlicht und macht mit innovativen Produkten und Dienstleistungen wie einer Bierakademie und einem Biersymposium auf sich aufmerksam. Und in Kötschach-Mauthen in Kärnten lädt der Greissler und Gastronom Herwig Ertl auf „grenz:geniale:wege“ ein, die zu kulinarischen Adressen in Österreich, Italien und Slowenien führen und so die Alpen-Adria-Kulinarik scheinbar grenzenlos erfahrbar machen.