Letzten Sommer schrieb die kleine Gemeinde Abondance in Hochsavoyen Tourismusgeschichte: Als erstes Dorf der Alpen machte sie ihr Skigebiet mit einem Sessellift, sechs Schleppliften und Pisten auf tausend bis tausendsiebenhundert Metern Höhe komplett "dicht". Abondance hat eine kritische Größe und eine kritische Lage – zu klein, um genügend Gewinn für notwendige Modernisierungen zu erwirtschaften, und zu niedrig, um die schneearmen Winter zu überstehen. Die Anlagen setzten im letzten Jahrzehnt Patina an, die Stammgäste blieben aus und die Schulden stiegen dramatisch. Im Mai 2007 beendete der Bürgermeister der Gemeinde das wenig gloriose Ski-Kapitel.
Gefährliche Monostruktur
Abondance, ein Beispiel, das infolge des Klimawandels Schule machen wird? Berufspessimisten wähnen bereits eine Apokalypse für den alpinen Wintertourismus in niedrigen Lagen, während nüchterne Analytiker einen Blick auf die jeweiligen wirtschaftlichen Gegebenheiten für das Überleben als essenziell erachten.
Das verhält sich in Abondance nicht anders. Aufgrund seiner starken Landwirtschaft – französische Feinschmecker rühmen dessen Rohmilchkäse – fällt das Dort nicht ins finstere Zeitalter. Mehrere wirtschaftliche Standbeine – darin liegt der entscheidende Punkt –, Orte ohne Monostruktur haben einfach die besseren Karten. Und genau hier setzen auch die Überlegungen einer aktuellen Studie der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV) an. In Zusammenarbeit mit der Forschungsgesellschaft Joanneum Research nahm die Interessenvertretung von 1.100 Betrieben österreichische Tourismusgemeinden unter dem Aspekt des Klimawandels, des hohen Stellenwertes des Wintertourismus sowie der strukturellen Beschaffenheit genau unter die Lupe.
"Vor dem Hintergrund verschiedener Klimaszenarien war uns vor allem ein genauer Blick auf die ökonomische Verwundbarkeit von Österreichs Destinationen wichtig", erklärt Thomas Reisenzahn, ÖHV-Generalsekretär.
8 % reine Wintergemeinden
Ihre Analyse im Detail: Österreich zählt insgesamt 1.564 touristische Gemeinden. In 123 Gemeinden entfallen über 60 % der Nächtigungen auf dieWintersaison. Die 996 Gemeinden mit mehr als 60 % Nächtigungsanteil während der Sommermonate bilden die Gruppe der Sommerdestinationen und jene 445 mit Anteilen von 40 bis 60 % die Ganzjahresgemeinden. Zwecks einheitlicher Betrachtung wurden nun innerhalb dieser drei Gruppierungen Cluster nach folgendem Muster erstellt: Gemeinden, die auf eine ähnliche (Un-)Verwundbarkeit in Bezug auf klimatische Rahmenbedingungen während der Wintermonate schließen lassen und zudem vergleichbare touristische Parameter aufweisen wie z. B. Nächtigungsanteil und –dichte in den einzelnen Saisonen sowie der Anteil der im Tourismus Beschäftigten an den Gesamtbeschäftigten. Danach wurde die spezifische Situation jeder einzelnen Destination näher beleuchtet und Schlussfolgerungen in Hinblick auf die Verwundbarkeit gezogen.
Wo liegen also die Gefahren? Als ökonomisch verwundbar gegenüber klimatischen Veränderungen definierten ÖHV und Joanneum Research jene Gebiete,
- die eine monostrukturell wirtschaftliche Abhängigkeit aufweisen
- die stark von Wintertourismus abhängig sind
- einen bedeutenden Anteil an Tourismus-Beschäftigten haben und
- zudem nicht hoch genug liegen, um auch in Zukunft "schneesicher" zu sein.
Für niedrig gelegene Resorts bedeuten mögliche Klimaveränderungen aber nicht automatisch das "Aus", sind doch lokale Fakten wie Kleinklima, Relief und Exposition zu beachten – Schladming und der Semmering sind praktische und erfolgreiche Beispiele, die das Gegenteil beweisen.
Gefahren & Chancen
Verwundbar nach obigen Kriterien sind etwa die Region Hochkönigs Bergreich, das Lammertal, das Pillerseetal, die Ferienregion Hohe Salve, die Urlaubsregion Murtal, der Katschberg oder das Tannheimertal. Aber auch der Bregenzerwald, das Kleinwalsertal, die Region Wildschönau und die Skigemeiden des Mostviertels müssen laut der Studie durchaus als verwundbar angesehen werden.
Die Studienautoren sehen ihre Analyse nicht als Präsentation eines Krisen-Rankings, sondern als klaren Auftrag an die Touristiker, mit gelebtem Destinationsmanagement, mit geeigneten Maßnahmen wie etwa Beschneiung und der Belebung der anderen Saisonen zu reagieren. "Mit entsprechender Angebotsgestaltung kann man aus einer Gefahr durchaus eine Chance machen", ist Reisenzahn überzeugt.





